Von Pilzen und anderen Menschen

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Ich soll aufschreiben, was mir passiert ist.

Das sei psychologisch sehr befreiend, haben die Ärzte mir hier versichert. Also beginnt eine junge Frau ihr Denkmaschinchen in Gang zu setzen, und die Mühlen des Gedächtnisses verarbeiten das gelebte Leben, in dem die Schrecken die Hauptrolle einnehmen, zu Erinnerung. So wird, was einmal grauenhafte Wirklichkeit gewesen ist, im Nachhinein zum Stoff der Bewusstwerdung. Cecily von Hundt, Jahrgang 1974, ist ein literarisches Talent, das man nicht leichtfertig übersehen sollte.

Salzburger Nachrichten

 Manche Bücher will man als Leser ständig schräg halten, 

als könnte sonst der Inhalt ausrinnen vor Ironie. Cecily von Hundts Erzählung ist von dieser schräg-ironischen Art, man nimmt die Sätze wörtlich und fühlt sich wohltuend sanft auf den Arm genommen, man liest die Geschichte pragmatisch verschränkt, und wird plötzlich in eine scheinbar klare Wirklichkeit entführt. Eine junge Frau kommt wie tausend andere in der Literaturgeschichte in ein Sanatorium, um ihre Kindheits- und Jugendjahre Revue passieren zu lassen. Die Ärzte sind ziemlich ratlos und gerieren sich als Hilfssheriffs der Lebensberatung, wenn ihnen nichts mehr einfällt, empfehlen sie der Patientin, sie möge doch bitte sehr ihre Geschichte aufschreiben. Das tut sie und wird dadurch zu einer gnadenlos verrückten Erzählerin, die nahezu alle Stile drauf hat. Da ja nicht klar ist, welcher Erzählstil den Ärzten gefällt oder welcher dem erlebten Leben am besten entspricht, werden vorsichtig verschiedene Erzählmuster ausgetestet. Der englische Empfindungsroman, die Gothic-Novel, der Schelmenstreich nach dem Muster J.D.Salingers und ein weiblicher Klon des Zöglings Törless werden als mögliche Modelle zur Beschreibung des eigenen Daseins herangezogen, die Erzählerin verknüpft immer wieder die Situation des Schreibens mit der aufgeschriebenen Erinnerung. Der Leser wird mit unzähligen Anspielungen herausgefordert, den Text in seiner eigenen Lesewelt zu verankern. Die Pilze als ein Filter für die Realität, wenn man an diverse Pilzgemische von Alice im Wunderland denkt, die Hauptfigur Emma als Prototyp einer aufgeklärten Frau und schließlich der bedächtige Schnitt von Vorabendserien, der über die erzählte Familienstruktur gelegt ist, ergeben letztlich ein vollkommen authentisches Bild eines Lebensgefühls, das um das klassische Bildungsgut herum Stützpunkte des eigenen Denkens entwickeln muss. Die Klarheit der scheinbar Verrückten tut ein Übriges, um festgefahrene Vorstellungsmuster aus den Angeln zu heben. Mit der Zeit kann der Leser das Buch ruhig wieder gerade halten, es rinnt nicht aus, aber es verströmt fröhliche Ironie, die sich auf die neu entdeckte Wirklichkeit legt.


Helmuth Schönauer 30/10/01